
Später Kinderwunsch als Single
Hätte ich doch bloß früher angefangen
Ein später Kinderwunsch als Single – und warum haben viele Frauen das Gefühl, sie hätten früher anfangen sollen?
Wie entscheidet sich ein Mensch für den Weg der Soloelternschaft?
Sibylle hat fünf Jahre gebraucht. Am Anfang war da nur eine Idee, später wurde daraus ein möglicher Weg. Doch immer wieder kamen Zweifel: der Satz einer Freundin („Findest du das nicht ganz schön egoistisch?“), ein Artikel, in dem behauptet wird, dass nur ein Bruchteil aller Kinderwunschzentren Singles behandelt. Dann ein einschneidendes Ereignis – der Tod einer nahestehenden Person, eine belastende Arbeitssituation – und die Idee rückt wieder nach hinten.
Viele erleben einen späten Kinderwunsch als Single genau so: als eine Idee, die lange Zeit im Hintergrund bleibt.
Wenn der späte Kinderwunsch plötzlich konkret wird
„Du hast ja noch Zeit“, denkt sich Sibylle lange. Doch als sie mit 41 Jahren schließlich eine Kinderwunschpraxis betritt, ist sie überrascht. Anders als ihre Gynäkologin, die ihr immer wieder geraten hatte abzuwarten – schließlich habe sie für ihr Alter noch überdurchschnittlich viele Eizellen – werden hier plötzlich Statistiken gezeigt.
Mit 41 Jahren liegt ihre Chance auf eine Schwangerschaft nur noch bei etwa 12 % heißt es. Laut Daten des Deutschen IVF-Registers liegt die Geburtenrate pro Embryotransfer nach IVF mit 41 Jahren bei etwa 11,9 %. (S.26). Sibylle ist geschockt. Endlich habe sie sich durchgerungen loszustarten, aber jetzt fühlt sie sich von diesen Zahlen erschlagen. Keine Pause auszuruhen. Die letzten 5 Minuten im Behandlungszimmer der Ärztin hört sie nicht mehr zu. Sie fühlt sich erschlagen.
Manchen Wunschsoloeltern erleben diesen Moment als überraschend – besonders dann, wenn ihnen zuvor immer wieder signalisiert wurde, dass doch eigentlich noch genügend Zeit sei.
| !!! Viele Kinderwunschkliniken geben inzwischen Lebendgeburtenraten an, weil sie medizinisch aussagekräftiger sind als reine Schwangerschaftsraten. Die Schwangerschaftsrate allein sagt nämlich noch nichts darüber aus, ob am Ende tatsächlich ein Kind geboren wird. |
Angezählt
Sibylle schämt sich. Sie hat plötzlich das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Sie fragt sich, ob sie eine besonders anstrengende Patientin sei, fühlt sich angezählt, fehl am Platz, falsch. Und sie erinnert sich an einen Instagramkommentar:
„Typisch Frau: Für deine Karriere müssen die Kinder bezahlen.“
Die Worte des Hasskommentars durchdringen ihre Gedanken. Während die Ärztin Daten in den Computer eingibt, murmelt sie leise vor sich hin: „Viel zu spät.“ Dann, etwas lauter: „Warum sind Sie denn nicht früher gekommen?“
Sibylle schämt sich noch mehr. Sie kommt nicht wieder. Dabei hat sie so lange gebraucht, um sich überhaupt zu trauen, in eine Kinderwunschklinik zu gehen. Und dann wird sie so behandelt.
„Das packe ich nicht.“
Den Kinderwunsch loslassen, nichts leichter als das
Also loslassen.
Als könnte man sich einfach entscheiden, den Kinderwunsch abzulegen – wie eine Tasche, die man nicht mehr tragen möchte. „Ich muss loslassen“, sagt sie sich. Sie verabschiedet sich vom Kinderwunsch. Sie versucht abzuschließen. Als wäre das so einfach.
Mit 43 Jahren kommt sie schließlich zu mir in die Beratung. Abschließen kann sie nicht – weil sie es nie versucht hat. Doch jetzt noch einmal die Kraft aufbringen? Immerhin ist sie inzwischen zwei Jahre älter. Gleichzeitig wird der Wunsch immer deutlicher spürbar: Sibylle möchte immer noch Solomutter werden. Mit einem späten Kinderwunsch als Single.
Ich möchte es wenigstens versucht haben
Sibylles Geschichte ist ein fiktives Beispiel – gespeist aus vielen Erfahrungen aus meiner Beratung. Jeder Fall ist unterschiedlich. Und trotzdem taucht in den Gesprächen immer wieder derselbe Satz auf:
„Ich will es wenigstens versucht haben.“
Hinter diesem Satz stehen oft lange Geschichten. Kein kurzer Impuls, kein Trend, sondern ein tiefgehender Wunsch. Denn der Weg zur Soloelternschaft verläuft selten geradlinig. Oft ist er geprägt von Abzweigungen, Pausen und Entscheidungen, die immer wieder neu getroffen werden müssen. Ein Wunsch, der auf gesellschaftliche Vorstellungen trifft, die Elternschaft meist nur in klassischen Beziehungskonstellationen vorsehen. Meiner Erfahrung nach ist dieser Wunsch selten eine „neue Idee“. Er sitzt oft schon lange da, wird verschoben, verdrängt, zur Seite gelegt.
Manchmal sprechen Menschen sich ihren Kinderwunsch sogar selbst ab: „Ich habe eigentlich keinen Kinderwunsch“ oder „Ich wollte nie Kinder“, sagen sie dann.
Aber manchmal bedeutet das in Wirklichkeit: „Meine Partner*in hat keinen Kinderwunsch – und deshalb verzichte ich.“ oder: „Ich wollte immer Kinder, hätte ich es bloß mal versucht“.
Warum nicht früher?
Und dann kommt dieser eine Tag.
Bei Sibylle ist es mit 43 Jahren so weit. Sie fragt sich: „Warum habe ich meinen Kinderwunsch nicht früher umgesetzt?“
Meine Antwort darauf lautet meistens: „Vielleicht, weil du ihn damals/ früher noch gar nicht umsetzen konntest.“
Denn meistens gibt es nachvollziehbare Gründe, warum es vorher noch nicht möglich war. Gründe, die wir manchmal vergessen. Gründe, die vielleicht nicht sofort sichtbar sind, Gründe, die z.T. auch strukturell bedingt sind.
Wie sich die Situation für Solomütter verändert hat
Vor 2018 war Soloelternschaft in der Kinderwunschmedizin kaum sichtbar. Erst nach Inkrafttreten des Samenspenderregistergesetzes begann sich die Situation langsam zu verändern. Ich erinnere mich gut an Zeiten, in denen alleinstehende Personen bis zu vier Stunden Fahrtzeit auf sich nehmen mussten, weil es in ihrer Region keine Kinderwunschklinik gab, die eine Behandlung von Singles mit Kinderwunsch anbot.
Heute behandeln Kinderwunschzentren/ -kliniken/-praxen auch alleinstehende Menschen in jedem Bundesland. Und es werden immer mehr. Immer wieder höre ich von neuen Kliniken und Praxen, die ihre Türen für Single-Behandlungen öffnen. Früher brauchten wir Listen für Kliniken, die offen sind für Singles. Heute brauchen wir vielleicht nur noch Listen für Kliniken, die immer noch keine Singles behandeln.
Früher hätte Sibylle wahrscheinlich nur mit viel Glück eine Überweisung für ein Kinderwunschzentrum bekommen. Im schlimmsten Fall wäre ihr der Überweisungsschein kommentarlos ausgestellt worden. Vielleicht hätte man es versucht, ihr auszureden. Oder ihr wäre geraten worden, sie müsse ins Ausland fahren. Oder noch schlimmer, einfach in den Club zu gehen. Oder erinnern wir uns an Lindas Erfahrung: „Na na, wenn sie immer so schauen, klappt das nicht mit den Männern, da müssen sie auch mal zurücklächeln. Vielleicht fahren Sie einfach mal Straßenbahn, dort trifft man ja immer viele Menschen.“
Versöhnung
Ich plädiere für Versöhnung. Es ist okay, dass du es damals nicht angegangen bist. Es war vielleicht einfach noch nicht die Zeit. Ein später Kinderwunsch bei Singles entsteht selten plötzlich. Meist ist er das Ergebnis vieler Jahre: Zweifel, verschobene Entscheidungen, gesellschaftlicher Druck und fehlende Informationen über mögliche Wege. Entscheidungen entstehen immer im Kontext ihrer Zeit – und manchmal wird ein Wunsch erst dann sichtbar, wenn die gesellschaftlichen Möglichkeiten dafür überhaupt existieren. Umso wichtiger ist es, sich selbst mit etwas mehr Freundlichkeit zu begegnen.
Und noch etwas: Es ist manchmal schwer, gegen gesellschaftliche Erwartungen zu handeln, die stark von patriarchalen Strukturen geprägt sind. Sich für einen Weg zu entscheiden, bei dem du auffällst und bei dem immer wieder nach dem Vater gefragt wird, braucht Mut. Du wirst diese Frage wahrscheinlich oft beantworten – weil du es für dein Kind willst. Und mit der Zeit wird es leichter. Dass du diese Entscheidung nicht einfach „mal eben“ treffen kannst und Zeit dafür brauchst, ist völlig angemessen, wenn man sich die Größe und Tragweite dieser Entscheidung anschaut.
Für die Zukunft wünsche ich mir mehr Aufklärung und Sichtbarkeit von Solomutterschaft, einen diskriminierungsfreien Zugang zur Kinderwunschbehandlung und die Abschaffung der Garantieperson (schau dir hier die Forderungen unseres Vereins Solomütter Deutschland e.V. an).
Für die Gegenwart aber gilt vor allem eines: Versöhnung.

